Mittwoch, 7. Dezember 2011

Gottfried Lutz
Ruhestand - eine autobiografisch angehauchte Hymne

Ruhe-Stand
wie sich des ahört
a rua on an stand,
ganz bei sich selber
on wissa ‘, s isch guad.
koi hektik, koin chef,
koin zwang, nemme müassa –
bloß no do, was da willsch,
bloß nach em luschdprinzip leba
on uff d realidäd pfeiffe
du muasch koin wecker stella,
kannsch schlofa,
solang da willsch,
außer nadierlich, du muasch
nachts om halb viere.
kosch macha,was da willsch,
du muasch halt.
schlemmer isch bloß,
wend moinsch, du muasch -
kosch aber nex mache!
on no bisch scho wach

on no falld dir ei:
du muasch morga zom frisör
ons auto muass zur inspektio,
du muasch zom doktor
on zom tiv
du muasch
den mal wieder eilade,

du solldesch –
muasch ned, abr solldesch –

mol wieder end kirch gange,
dort muasch drabei sei
on do muasch mitmache
du muasch, du muasch, du muasch…

ruhestand
wie sich des ahört!
bloß no do was da willsch.

von wega.
wenn de s so ned willsch,
no muaschs halt anders mache.

des muasch. sonst nix
.
(Wegen einer Behinderung der linken Hand schreibe ich alles
kurz und klein. (Das ist sowieso meistens besser!)


Anmerkung: Aus technischen Gründen habe ich auf Bitte von Gottfried Lutz seine urschwäbischen Gedanken zum "Ruhe"-Stand hier eingesetzt. (Jos) 

Montag, 6. Juni 2011

Gottfried Lutz: Rolli-Drama auf Zypern

chronischLEBEN-Autor Gottfried Lutz traf am Rande des Amphitheaters von Kourion auf Zypern einen Rollstuhl - und kam ins Grübeln....

...Tragödie mit Happyend.

Gottfried Lutz: Humorlos - Vorsicht Satire!

„ Schwerhörige sind humorlos", sagte er am Telefon, während ein älterer Herr mit einem Rezept in der Hand hereinkam. „Alle. Durch die Bank. Einer wie der andere. Laufen immer mit mürrischem Gesicht herum, griesgrämig oder beleidigt. Ständig auf der Suche nach einem Grund, sich zurückgesetzt zu fühlen.

Mal ist es zu laut, mal zu leise, mal sind es zu viel Hintergrundgeräusche, mal stört ein laufender Motor. Ach, gehen Sie mir weg mit dem geringer werdenden Abstand zwischen Hör- und Schmerzschwelle! Denen fehlt einfach die Leichtigkeit, das savoir vivre, wie der Franzose sagt. Lebenskunst.

Sich auch mal über was wegsetzen können. Zum Beispiel in Gesellschaft. Da sitzt man fröhlich beieinander und erzählt oder macht Witze, garantiert ist einer dabei, der den Kopf schräg nach vorne streckt und mit verbissenem Gesicht fragt, wie die Pointe geheißen hat. Und dann lacht er nicht mal, sondern sagt halblaut: 'Wissen Sie, ich höre nicht so gut.' Da hat er auch nichts zu lachen, meinen Sie? Aber uns die Stimmung verderben, das kann er! Ich sag's ja: Schwerhörige sind eben humorlos.

Oder nehmen Sie den: Da kommt ein Patient mit einem Rezept für ein Hörgerät. Auf dem andern Ohr sei er stocktaub. Ich ruf den HNO-Arzt an, ob da nicht doch mit einem zweiten Gerät was zu machen sei. 'Nein, das bringt nichts', sagt der Dussel. Und ob das was bringen würde. Ich suche für den also das beste Gerät aus und sage beiläufig was von Qualität, die ihren Preiswert ist, und Zuzahlung. Er fragt nach, und ich sage, so mit 1000 Euro müssen Sie schon rechnen. Da verzieht er das Gesicht, und ich mache zur Auflockerung einen kleinen Scherz: 'Irgendwoher muss ich die 500 Euro ja nehmen, die ich dem HNO-Arzt hinblättern muss dafür, dass er Sie an mich überwiesen hat.'

Der knallt das Hörgerät auf den Tisch (es ist noch ganz, ist eben Q ualität und sein Geld wert), knallt also das Hörgerät auf die Theke und schreit mich an: 'Ihr tolles Hörgerät können Sie für sich behalten! Und ihre blöden Witze auch!' Und draußen ist er. Ich sag's ja: Schwerhörige sind eben humorlos.

Das Schönste kommt noch: Das war gar kein Witz! Der HNO-Arzt wollte tatsächlich trotzdem die übliche Provision. Eine Hand wäscht die andere, meinte der, auch wenn sie dreckig sei, und eine Überweisung sei die andere (die wirklich andere) wert, auch wenn der Patient abspringt.

Warum wollen Sie jetzt plötzlich so schnell weg?"

Ich drehte mich unter der Tür noch einmal um und sagte. „Ich bin schwerhörig und habe ein Rezept. Aber Sie wissen ja: Schwerhörige sind eben humorlos."


Autor Gottfried Lutz
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Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors
Erstveröffentlichung in der Hörakustik DOZ 11-2006

Begegnungen im Alltag von und mit Gottfried Lutz: „..alles außer Fahrradklingeln!"

Autor: Gottfried Lutz
Fast lautlos kommen sie von hinten, manchmal einzeln, manchmal ganze Meuten, mit Helm, tiefdunkler spiegelnder Sonnenbrille, farbenprächtigem eng anliegendem Trikot, als kämen sie vom Ballett, auf super-mega-geilen Mountainbikes mit 27 Gängen, vollgefedert und mit kombiniertem Tacho, Kilometer- und Pulszähler - und bevor ich das richtig registriert habe.. nein, nicht das Kennzeichen, die haben gar keines! Bevor ich den rasenden Radfahrer richtig wahrgenommen habe, schreit er schon - allen Diskriminierungsverboten zum Trotz: "Du blöder Opa, hörst du gar nichts!!??"

Weder bin ich per du mit ihm noch blöd, und ich höre mit Hörgeräten erstaunlich viel! Das einzige was stimmt: ich bin stolzer Großvater einer reizenden Enkelin und eines Enkels, der demnächst das Gehen lernen wird. Und mit den beiden will ich auf Spazierwegen gehen, ohne von hinten angeschrieen oder gar angefahren zu werden.

In Ägypten und Israel gab es schon vor ein paar tausend Jahren die Spielregel, einem Blinden nichts in den Weg zu legen und einen Stummen nicht zu beschimpfen - weil der Blinde das Hindernis nicht sieht, und der Stumme sich nicht verteidigen und wehren kann. Von Fahrrädern hatten die noch keine Ahnung. Glückliche Welt, in der man ungefährdet seine Enkel spazieren führen konnte!

Bei uns dagegen sieht es eher so aus, als würden es von Tag zu Tag mehr Fahrräder, die ich als Autofahrer auf den Gehweg und als Fußgänger auf die Strasse schicken möchte. Sie stören einfach immer! Natürlich störe auch ich die Radfahrer. Nicht absichtlich, sondern einfach weil ich auf Fahrradklingeln, die ich nicht höre, auch nicht reagieren kann. Manchmal allerdings höre ich sie sehr deutlich. Aber das ist dann meistens der Tinnitus. Und der fährt bekanntlich nicht Fahrrad, sondern spukt in meinem Kopf herum. Zurück zu den real klingelnden Fahrradfahrern: Soll ich mir ihretwegen eine Armbinde mit durchgestriche­nem Ohr zulegen (gibt's die?) oder vom Akustiker ein bedrucktes T-shirt holen:

"Mit Hörgeräten vom Akustikermeister Meistermann
hören Sie alles außer Fahrradklingeln."

Oder ist es im 21. Jahrhundert technisch möglich, Hörgeräte und Fahrradklingeln so aufeinander abzustimmen, dass Zusammenstöße, verbale oder materielle, etwas weniger wahrscheinlich werden? Sie meinen, das erfordere unmöglich zu bewältigende Absprachen und Ausgaben? Ein Land, das wegen jeder zweiten Hofeinfahrt einen Kreisverkehr einrichten kann, sollte sich da nicht lumpen lassen.

Wissen Sie eine andere Möglichkeit, wie Radfahrer und schwerhörige Spaziergänger heil über die Runden kommen? Die einen oder die anderen wegsperren? An geraden Tagen die Straßen den Radfahrern, an ungeraden den Autofahrern, sonntags den Fußgängern reservieren? Wie wär's mit Helmpflicht für Fußgänger - mit integriertem Rückspiegel? Geht wohl alles nicht!

Was bleibt uns übrig? Humor und Toleranz! Auch dieses Geschwisterpaar lässt sich nicht so einfach per Gesetz verordnen. Aber wir könnten ja schon einmal von alleine damit anfangen.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors: Gottfried Lutz